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Yakutien

Höhlenlöwen-Babies lagen 10.000 Jahre im Permafrost - Sensationsfund: Zwei vollständig erhaltene Höhlenlöwen entdeckt

29.10.2015. Eine Weltsensation hat die Akademie der Wissenschaften von Yakutien jetzt bekannt gegeben: In der russischen Shaka-Republik wurden in diesem Sommer die "perfekt erhaltenen" Eismumien zweier Höhlenlöwenbabies entdeckt. Es handele sich um den ersten derartigen Fund in der Geschichte der Wissenschaft. Bisher waren nur Knochen und Skelettreste gefunden worden. Im November sollen die Eismumien in einer groß angelegten Präsentation der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Höhlenlöwen-Babies: 10.000 Jahre eingefroren und "perfekt erhalten"

Die beiden Höhlenlöwenbabies seien mindestens 10.000 Jahre alt, meldet die Siberian Times unter Berufung auf die Akademie der Wissenschaften von Yakutien. Auf dem vorab veröffentlichten Foto ist ein Jungtier zu sehen, dessen Kopf, Körper und Fell vollständig erhalten sind. Fell und Gesicht sind mit Schneeresten bedeckt.

Derzeit werden die beiden Eismumien noch untersucht. Den Angaben zufolge konnte durch mikrobologische Untersuchungen ein Befall mit Anthrax-Sporen ausgeschlossen werden. Die Sporen des Milbrand-Erregers wären für Menschen, die in Kontakt mit diesen kämen, äußerst gefährlich und könnten auch noch nach Jahrtausenden eine Infektion auslösen.

Höhlenlöwen: Weit verbreitet und nach der Eiszeit ausgestorben

Die Höhlenlöwen (Panthera leo spelaea) waren bis zur Eiszeit in Europa und Nordasien weit verbreitet, so auch in Deutschland. Höhlenlöwen sind in vielen Höhlenmalereien, so auch in der Höhle von Chauvet,  festgehalten. Die Großkatzenart lebte  zwischen ca. 300.000 bis 12.000 vor unserer Zeit - vom mittleren bis späten Pleistozän. Für den Balkan nimmt man eine nacheiszeitliche  Restpopulation an.

Zukünftige genetische Untersuchungen des neuen Fundes lassen weitere Einblicke in die genaue Artzugehörigkeit der gefundenen Exemplare, als auch der Höhlenlöwen (Panthera leo spelaea) an sich erwarten. Bisher ist sich die Wissenschaft darüber uneinig, ob es sich beim Höhlenlöwen um eine eindeutig abgegrenzte Unterart des Löwen (Panthera leo) - so Burger et al, 2004 - oder um eine eigenständige Spezies - so Bocherens et al, 2011 -  handelt.

Mitochondrien-Analyse: Weibliche Höhlenlöwen-Linien sind ausgestorben

Die bisher vorliegenden molekulargenetische Untersuchungen wurden 1994 von Burger et al an mitochondrialer Höhlenlöwen-DNA veröffentlicht. Die DNA der Mitochondrien wird ausschließlich über die mütterliche Linie von der Mutter zur Tochter weitergegeben. Untersucht wurden die Überreste zweier Höhlenlöwen: Die untersuchten Knochenreste des ersten Löwen waren 1985 in Siegsdorf (Bayern) ausgegraben worden. Die Überreste der zweiten Löwen wurden 1996 in der Tischhofer Höhle bei Kufstein (Tirol) ausgegraben. Alsa Vergleichsmaterial dienten DNA-Proben rezenter Löwen, die vom Frankfurter Zoo zur Verfügung gestellt wurden.  Der Studie zufolge enthalten heute lebende - rezente - Löwen in ihrem Genpool keine mitochondriale DNA der untersuchten Höhlenlöwen-Linie mehr.

Isotopen-Analyse: Höhlenlöwen waren Einzelgänger

Vor 12.000 Jahren jagten Höhlenlöwen bevorzugt alleine - und meistens waren Rentiere die Beute. Das hat ergab eine 2011  erschienene Studie der Arbeitsgruppe um den Tübinger Wissenschaftler Hervé Bocherens. Bocherens ist Professor an der Abteilung für Geowissenschaften der Universität Tübingen: Wenn Kohlenstoff- und Nitrogen-Isotopen (13C, 15N) im Kollagen von Raubtier-Knochen  fehlen, verfügt man dadurch über eine direkte Information über die Ernährung von Raubtieren.

Bis vor etwa 12.000 Jahren standen den großen Raubkatzen ein breites Spektrum an möglichen Beutetieren zur Verfügung: Dazu zählten unter anderem Mammute, Wollnashörner, Bisons, Pferde und Rentiere. Diese Beutetiere mussten sich die großen Raubkatzen mit anderen WEttbewerbern teilen, so mit den Höhlen-HYänen, Braunbären, Wölfen und natürlich mit den vorgeschichtlichen Menschen.

Das Team um Prof. Bocherens untersuchte in seiner Studie Höhlenlöwen-Knochen, die in Südwestdeutschland, der Nordschweiz, in Nordfrankreich und in Südbelgien gefunden worden waren. Das Ergebnis: In der Zusammensetzung der Isotopen unterschieden sich die einzelnen Höhlenlöwen-Exemplaren deutlich. Im Vergleich dazu wiesen die Knochen verschiedener Hyänen-Exemplare, die in Rudeln leben und jagen, eine sehr ähnliche Isotopen-Komposition auf.  Die Schlussfolgerung: Die Höhlenlöwen waren jeweils als Einzelgänger auf der Jagd und haben - im Unterschied zu den heutigen afrikanischen Löwen und den damaligen Hyänen - nicht im Rudel gejagt.

Höhlenlöwen fraßen hauptsächlich Rentiere - und manchmal junge Bären

Die Studie brachte aber auch eine Klärung, welche Beutetiere die Höhlenlöwen bevorzugt fraßen: Ursprünglich war man - analog zu den heutigen afrikanischen Löwen - davon ausgegangen, dass hauptsächlich Pferd und Bison auf dem Speisezettel der Höhlenlöwen gestanden haben. Tatsächlich hat die Studie ergeben, daß Rentiere die Hauptnahrung der Höhlenlöwen bildeten. Rentier machte bei den Höhlenlöwen jedenfalls einen deutlich höheren Anteil an der Beute aus, als bei den anderen damaligen Raubtieren.

Einige Höhlenlöwen haben der Studie zufolge wahrscheinlich auch junge Höhlenbären verspeist. Die Vorliebe für Rentiere hielt bei den Höhlenlöwen bis zum Ende der Eiszeit an. Das lokale Aussterben der an die Kälte der Eiszeit angepassten Rentiere könnte, so die Wissenschaftler, durchaus auch eine Rolle beim Aussterben der Höhlenlöwen gespielt haben.

Sibirischer Permafrost taut - und gibt immer wieder Eismumien frei

Der sibirische Permafrostboden gibt derzeit in rascher Folge Eismumien verschiedener Tierarten frei: So sind in den vergangenen Jahren mehrere gut erhaltene Mammute (M. primigenius), das  ca. 4.630 Jahre alte "Yukagir"-Pferd  (Lenensis Equus), der rund 4.000 Jahre alte "Yukagir"-Bison, sowie ein ebenfalls gut erhaltenes, 26.000 Jahre altes Wollnashorn-Baby entdeckt worden. Zudem sind die Eismumien von zwei 12.400 Jahre alten Hundewelpen entdeckt worden, die ebenfalls perfekt erhalten sind. Wir haben darüber berichtet.

Original-Publikationen:

1. Shaka-Eis-Mumien: Stand Oktober 2015: Noch nicht wissenschaftlich publiziert.

2. Weibliche Höhlenlöwen-Linien ausgestorben: Burger et al: Molecular phylogeny of the extinct cave lion Panthera leo spelaea Joachim Burger,a,* Wilfried Rosendahl,b,1 Odile Loreille,a Helmut Hemmer,c,2 Torsten Eriksson,d,3 Anders Gotherstr € om, € e,4 Jennifer Hiller,f,g,5 Matthew J. Collins,f,6 Timothy Wess,g and Kurt W. Alta. Elsevier MOLECULAR PHYLOGENETICS AND EVOLUTION.

3. Beutetiere der Höhlenlöwen: Bocherens, H., Drucker, D.G., Bonjean, D., Bridault, A., Conard, N.J., Cupillard, C., Germonpré, M., Höneisen, M., Münzel, S.C., Napierrala, H., Patou-Mathis, M., Stephan, E., Uerpmann, H.-P., Ziegler, R. in press. Isotopic evidence for dietary ecology of cave lion (Panthera spelaea) in North-western Europe: prey choice, competition and implications for extinction. Quaternary International DOI: 10.1016/j.quaint.2011.02.023 .

 

Anmerkung der Wissenschaftsredaktion:

Dieser Artikel wurde mehrfach ergänzt und erweitert. Zuletzt am 31.Oktober 2015.

(Montag, 17.07.17 - 15:53 Uhr   -   4119 mal angesehen)

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